Hilfe für schlaffe Schließmuskeln

Hilfe für schlaffe Schließmuskeln
Darmschrittmacher

Schrittmacher für Blase und Darm

Die ungefähre Lesezeit beträgt 15 Minuten.

Die ungefähre Lesezeit beträgt 15 Minuten.

Dass es Schrittmacher gibt, die einem Herzen bei Bedarf zurück zum richtigen Takt verhelfen, ist allseits bekannt. Aber wussten Sie, dass es solche technischen Helferlein auch für schlaffe Schließmuskeln gibt? Ja. Sie verhelfen Menschen, die keine Kontrolle über ihre Blase oder ihren Darm haben, zu besserer Kontinenz.

Inhaltsverzeichnis

Überaktive und schlaffe Blasen gleichermaßen

Im Klinikum Dortmund etwa bekommen inkontinente Menschen, die die nötigen Voraussetzungen erfüllen, schon viele Jahre lang Blasenschrittmacher eingesetzt. Ein entsprechender Online-Artikel der medizinischen Einrichtung beleuchtet den Fall einer damals Anfang 50-jährigen Patientin. Einer der ersten, der diese technische Unterstützung in Dortmund 2014 eingesetzt worden ist. Eine Dranginkontinenz schränkte die zweifache Mutter massiv ein – beruflich wie privat. „Bis zu 18 Mal pro Tag musste sie zur Toilette. (…) Längere Autofahrten oder Flugreisen in ihre Heimat Polen waren für die Altenpflegerin undenkbar geworden“ (Text Klinikum Dortmund). Sowohl bei einer überaktiven Blase wie in diesem Fall als auch bei einer erschlafften Harnblase kann ein Schrittmacher die Lebensqualität steigern.

Über die Funktionsweise des etwa vier Zentimeter großen Gerätes schreiben die Autoren:

„[Es] wird über einen kleinen Schnitt oberhalb des Gesäßes in den Körper eingesetzt. Unter Röntgen führen die Operateure dann eine Art Draht, der aus dem Gehäuse des Schrittmachers ragt, an jenen Nerv, der die Blase kontrolliert. Hier wird der Draht befestigt und schickt fortan winzigste Strommengen (ca. 8 Milliampere) kontinuierlich über den Nerv an die Blase“ (Klinikum Dortmund).

Fernbedienung mit An- und Ausschalter

Die sogenannte sakrale Neumodulation führe dazu, dass sich die Blase entspannt, heißt es in dem Text weiter. Für den Eingriff liegen die jeweiligen Empfänger auf dem Bauch und werden örtlich betäubt: „Eine Elektrode (ein Draht) wird durch die Löcher des Kreuzbeines eingepflanzt und direkt an die Kreuzbein-Nerven gelegt…“ (Universitätsklinikum Balgrist). Mithilfe einer Fernbedienung lässt sich das Gerät im Körper ausschalten. Das bietet sich laut den Dortmunder Experten etwa für die Sicherheitskontrollen am Flughafen an. Die Neumodulation stellt allerdings nicht für alle Personen mit Harninkontinenz die Lösung dar. „Nach heutiger Kenntnis ist die Voraussetzung (…) die noch intakte Nervenverbindung zwischen Harnblase und Gehirn. Daher ist die (…) Technik bei Patienten mit einer kompletten Nervdurchtrennung, zum Beispiel des Rückenmarks (Querschnittlähmung) bisher nicht anwendbar“ (Artikel Marienhospital Herne).

Pipi auf Knopfdruck auch für Querschnittgelähmte

Allerdings haben Forscher auch für Paraplegiker etwas in petto: den Schrittmacher nach Brindley. Dem Kontinenzzentrum in Zürich zufolge haben Ärzte diesen im Jahr 1976 erstmals erfolgreich implantiert. Hierfür werden demnach sakrale Nervenbahnen am Rückenmark durchtrennt. Spasmen beruhigen sich. Elektroden sorgen dem Text zufolge von nun an dafür, dass die sogenannte Vorderwurzel stimuliert wird. Das wiederum ermöglicht eine sendergesteuerte Entleerung der Blase. Pipi auf Knopfdruck also. „Auch die Darmentleerung, die Erektion, eine Lubrifikation der Scheide und ein Muskeltraining der Glutealmuskeln lassen sich in vielen Fällen durch die Stimulation steuern. Die Voraussetzungen für die Anwendung dieser Methode ist eine motorisch und sensibel komplette Querschnittlähmung“ (Kontinenzzentrum Zürich). Das Gerät verhelfe gelähmten Patienten zu einer besseren Kontinenz sowie Blasenkapazität und verringere die Gefahr von Infektionen im Harnwegsbereich.

Starthilfe auch für den Darm

Da es sich bei der Blase nicht um das einzige Ausscheidungsorgan handelt und weil es eben schon angeklungen ist, soll hier auch die Stuhlinkontinenz und deren Bekämpfung mittels eines Schrittmachers erläutert werden. Dieser funktioniert ganz ähnlich. Ein Online-Artikel des Kantonsspital Baselland beleuchtet den Fall einer Endfünfzigerin, die sportbegeistert ist und bei der Geburt eines ihrer Kinder Jahre zuvor einen schweren Dammriss hatte. Die Stuhlinkontinenz zwingt sie zur Sportpause – und dazu, zunächst nur nüchtern ins Büro zu gehen. Irgendwann bleibt sie ganz fern. „Der Bewegungsradius (…) beschränkte sich damals auf ihr Zuhause und kurze Gänge durchs Quartier. ,Mehr lag bei einer Vorwarnzeit von einer Minute und bis zu zehn Durchfällen täglich nicht drin‘“, erzählt sie.

Die Schweizer Experten rieten der Patientin zu einem Schrittmacher. Dieser „…sendet über eine winzige Elektrode schwache elektrische Impulse an den Beckenbodennerv. Das regt den Muskel an und reguliert die Kontinenzfunktion“, erklärt wiederum ein Text der Rheinischen Post. Dr. Peter Philipp Pohl, Chefarzt der Allgemein- und Viszeralchirurgie des St.-Josef-Krankenhauses Hilden, berichtet in dem Artikel von einer vierwöchigen Testphase, bei der das Implantat noch mit einem externen Gerät verbunden ist. Funktioniert das, komme die Fernbedienung zum Tragen, mit der sich die Stärke der Stromstöße variieren lasse. Von dem Erfolg des Darmschrittmachers ist Pohl überzeugt: „85 Prozent haben einen dauerhaften Effekt“, so der Mediziner.

Dreiklang aus Training, Ernährung und OP

Der Betroffenen aus dem Baselland legten die Mediziner aber auch Beckenbodentraining und stuhleindickende Lebensmittel ans Herz. Vielen Menschen helfen bereits letztere beiden Maßnahmen, unterstreicht Darmspezialist Dr. med. Sebastian Lamm in dem Artikel des Kantonsspitals. Nachdem das Implantat seinen Platz in ihrem Körper gefunden hat, bessert sich die Lage der Patientin in kürzester Zeit. „Innert weniger Tage konnte ich meinen Stuhl wieder so weit kontrollieren, dass Joggen wieder möglich war, und bald darauf konnte ich sogar wieder schwimmen“, äußert sie sich in dem Text. Zu den Voraussetzungen, die potentielle Kandidaten für einen Schrittmacher mitbringen müssen, zählt der Rheinischen Post zufolge eine „… Inkontinenz des dritten und somit schwersten Grades, aber ohne Nervenschäden“.

Sowohl die Stuhl- als auch die Harninkontinenz betrifft übrigens häufiger Frauen als Männer. Das hat anatomische Gründe. Denn Frauenkörper sind von der Natur aus darauf ausgelegt, Kinder zu gebären. Ihre Beckenbodenmuskulatur kann leichter erschlaffen als die von Männern. Allerdings räumt Darmspezialist Lamm ein, dass es noch weitere Risikofaktoren gäbe: „Stuhlinkontinenz kann aber auch durch Darmkrebs, Demenz oder Nervenleiden wie Parkinson oder MS verursacht werden (…).“

Einigen generellen Informationen sowie den markierten Zitaten liegen folgende Quellen zugrunde:

Rheinische Post „Kleines Gerät gibt Lebensqualität zurück“ (Link), Stand: 02.01.2024.

Klinikum Dortmund „Neu im Klinikum: Schrittmacher an der Blase verhindert unkontrollierten Urinverlust“ (Link), Stand: 21.12.2023.

Universitätsklinik Balgrist (Zürich) „Ein Blasenschrittmacher bei Blasenproblemen“ (Link), Stand: 21.12.2023.

St. Elisabeth Gruppe GmbH „Erkrankungen nervaler Funktion der Harnblase“ (Link), Stand: 20.12.2023.

KontinenzZentrum AG „Expertise für eine starke Blase“ (Link), Stand: 20.12.2023.

Kantonsspital Baselland „Tabu Stuhlinkontinenz“ (Link), Stand: 20.12.2023.

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Juliane Klug

Juliane Klug

Als Redakteurin liebt es Juliane, in immer neue Themen einzutauchen. Wenn sie anderen Menschen komplexe Dinge verständlich näherbringen kann, ist sie in ihrem Element. Seit dem Frühjahr 2022 sorgt Juliane im Marketing-Team von Citycare24 für Content.

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