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Neoblase nach Krebsdiagnose

Bild von <p style="margin-top:15px;">Juliane Klug</p>

Juliane Klug

Redakteurin bei Citycare24

Veröffentlichung am 14. September 2026

Die ungefähre Lesezeit beträgt 12 Minuten.

Neoblase nach Krebsdiagnose (Beitragsbild)

"Da ist mir bewusst geworden: Ich werde nie wieder die alte Celin."

Das folgende Interview ist weit mehr als eines über eine neu geformte Blase. Denn obwohl Celin Allmann (41) aus der Nähe von Mainz der Redaktion genau deshalb ins Auge gesprungen ist, verbirgt sich hinter ihrer sogenannten Neoblase eine Krankheitsgeschichte, die zunächst einen ganz anderen Anfang genommen hat: mit Gebärmutterhalskrebs – ausgelöst durch HP-Viren bei einer damals erst 30-jährigen Frau. Celin spricht bei Instagram, auf Krebskongressen und in den Medien offen über sich und ihr Leben mit einem Grad der Behinderung von 100 und Pflegegrad 2. Damit möchte sie vor allem anderen Betroffenen weiterhelfen. Auch uns hat sie ihren Fall aus ihrer Sicht geschildert.

Ich bin wegen der Neoblase auf dich gestoßen. Magst du mal erzählen, wie die in dein Leben gekommen ist?

Celin Allmann: „Unverhofft kommt oft“, sagt man ja. Ich hatte eigentlich gar keine Probleme mit der Blase. Bei mir fing alles mit Gebärmutterhalskrebs an – kurz vor meinem 31. Geburtstag. Bei der Erst-OP ist einiges schiefgelaufen. Der Professor hat damals leider die Blase zerstört und meinen linken Harnleiter durchtrennt. Im Verlauf kam es dann außerdem noch zu einer Fistel.

Ich habe mich relativ schnell in meine eigene Behandlung eingeschaltet, weil es viele Abteilungen gab, die beteiligt waren. Da war die Innere, die Gynäkologie, es war die Onkologie und die Urologie, aber keine wollte den Hut aufsetzen. Eigentlich vertraut man Ärzten. Aber nach der ersten Operation habe ich nicht mehr so viel Vertrauen gehabt. Es hieß damals, dass ich bestrahlt werden soll. Ich war schon angezeichnet worden und lag in der Bestrahlungsröhre. Daraufhin habe ich gesagt: „Nee, Leute. Mit mir nicht.“ Denn wenn die Ärzte meinen unteren Abdomen-Bereich bestrahlt hätten, hätte ich bis an mein Lebensende zwei künstliche Ausgänge und keine Lebensqualität mehr gehabt. Dafür war ich mir mit 31 Jahren zu jung.

Ich hatte Glück mit meinem Urologen. Ihn habe ich mir als Hauptansprechpartner ausgesucht und ihn angefleht, mir eine Neoblase zu formen. Er hat dann noch mal einen Termin mit der Tumorkonferenz angesetzt und dann alle Hebel dafür in Bewegung gesetzt.

Daraufhin habe ich erst fünf Zyklen Chemotherapie gemacht. In diesen acht Monaten ist mein Urin dauerabgeleitet worden in einen Beinbeutel. In der Zeit ist meine Blase zur Schrumpfblase geworden. Ich hatte also keine normale Blase mehr. Mein Urologe hat es dann tatsächlich hingekriegt, mir mit einem halben Meter Ileum (Anmerkung der Redaktion: Dünndarm) eine neue Blase zu formen und diese auf meine oben drauf zu setzen.

Celin Allmann
Celin Allmann

Woher hattest du das Wissen, dich derart einzubringen?

Celin: Ich habe mich eingelesen in meine Erkrankung. Im Krankenhaus hatte ich viel Zeit. Außerdem habe ich mich an Selbsthilfe-Gruppen gewendet. Zwischendrin hatte ich auch ein Nephrostoma. Damit ist mein Urin direkt aus der Niere abgeleitet worden. Das ging für mich gar nicht. Ein Stoma war für mich ein absolutes Tabu. Ich wollte die Welt noch entdecken und mit Stoma zu reisen, das geht zwar, aber es ist umständlich.

Ich muss noch einmal nachfragen: Du hast die Bestrahlung nicht gewollt und dann alternativ was gemacht?

Celin: Ich habe eine stärkere Chemotherapie bekommen. Ich habe eine ganz andere Therapie gemacht, als die Leitlinien bei Gebärmutterhalskrebs vorschreiben.

Jeder Betroffene sollte auf seinen Körper und auf sein Bauchgefühl hören. Bei den Ärzten ist man oft einfach nur eine Nummer. Darum sollte man auch mal auf den Tisch hauen und Vieles hinterfragen.

Haben die Mediziner deine Erkrankung deinem Empfinden nach zu wenig ganzheitlich gesehen?

Celin: Ja. Deshalb hat mich so gestört, dass von den beteiligten Abteilungen keine die Verantwortung übernehmen wollte. Dann muss man sich als Patient einen Ansprechpartner raussuchen, zu dem man Vertrauen hat. Das war bei mir damals eben der Urologe.

Seit wann lebst du jetzt mit der Neoblase? Wann ist die Operation gewesen?

Celin: Die OP zur Neoblase war im Oktober 2016.

Dann habt ihr bald euer Zehnjähriges.

Celin: Ja, genau.

Wie lebst du damit?

Celin: Am Anfang war es ein Kampf. Eigentlich hieß es, ich könnte damit wieder normal Pipi machen. Ich hatte ja noch meinen Muskel und einen leichten eigenen Blasenansatz. Der war allerdings durch die Dauerableitung sehr geschrumpft und der Muskel hatte überhaupt keine Funktion mehr, sodass ich richtige Probleme hatte. Zwei Monate nach dieser OP war ich in der Reha, wo die Probleme weitergingen. Da habe ich richtige Schleimpfropfen aus der Harnröhre gedrückt, weil der Darm in meiner neuen Blase weiterhin Schleim produziert hat. Das hat mir aber keiner gesagt, ich hatte keine Einweisung. Deshalb war ich dann in der Urologie im Krankenhaus und dort haben sie mir dann gesagt, dass ich vielleicht katheterisieren müsste. Nach der Reha habe ich mich an einen Pflegedienst gewandt. Ich habe ja auch einen Pflegegrad. Der hat mich dann halbwegs beraten. Aber wie man sich wirklich katheterisiert, habe ich über ein englischsprachiges Youtube-Video gelernt.

Zuerst hieß es auch, ich soll den Urin so lange wie möglich einhalten, damit sich das Volumen meiner neuen Blase erweitern. Das wiederum hat Infektionen gefördert, weil der angestaute Urin über meinen kaputten Harnleiter zurück in die Niere geflossen ist. Über acht Jahre hat mir das jetzt die Niere kaputt gemacht. Deshalb musste ich sie mir letztes Jahr entfernen lassen. Auch das hat mir vorher keiner gesagt. Hätte ich das gewusst, hätte ich nicht erst vor fünf Jahren damit angefangen, meine Blase kontinuierlich alle zwei Stunden zu entleeren – auch nachts. So habe ich keinen Resturin mehr drin, der zu Infektionen führen kann.

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Ich hoffe, du kannst dich mittlerweile quasi im Schlaf katheterisieren?! Alle zwei Stunden wach zu sein, klingt nämlich hart…

Celin: Das ist richtig hart! Aber für mich ist das Dauerzustand. Ich bin deshalb froh, dass ich dauerhaft Erwerbsminderungsrente beziehe und nicht mehr in dem Arbeitsrhythmus drin bin. Denn ich muss mir meinen Schlaf und meine Erholung auch tagsüber holen.

Aber jetzt hat sich dein Leben mit der Neoblase eingependelt?

Celin: Ja! Jetzt war es vor der letzten Reha sogar so, dass der Urin das allererste Mal nicht mehr ausgeschlagen hat etwa bei Nitrit (Anmerkung: Hinweis auf Infekt). Das ist bei der Neoblase selten.

Hast du denn deinen Krebs auch überstanden?

Celin: Toi, toi, toi. Durch die Chemotherapie ist der Krebs weg gegangen und auch weggeblieben. Ich bin allerdings auch komplett ausgeräumt worden. Auf der ersten Bildgebung hat man nicht gesehen, wie weit der Gebärmutterhalskrebs schon fortgeschritten war. Das hat der Arzt erst währen der Operation gesehen. Es waren Lymphknoten befallen, die Gebärmutter, ein Drittel der Scheide war befallen… Und dann hat er selbstständig entschieden, dass er eine große Bauch-OP macht – ohne mich vorher aufzuwecken.

Im Nachhinein hätte ich mir gerne eine Zweitmeinung eingeholt. Das ging alles so schnell und man ist selber ja noch traumatisiert von der Diagnose. Ich hatte einen Kinderwunsch. Deshalb hat es mich damals geärgert, dass der Professor entschieden hat, alles raus zu holen, ohne noch einmal mit mir zu sprechen. Vielleicht hätte es eine Möglichkeit gegeben, gebärmuttererhaltend zu operieren. Aber das weiß ich natürlich nicht. Ich bin in die OP rein und habe gedacht, dass ich nach zwei Wochen wieder fit bin und arbeiten gehen kann. Heute sitze ich hier und bin seitdem komplett in Rente.

Darf ich fragen, wie dir überhaupt aufgefallen ist, dass du Krebs hast oder das etwas nicht stimmt?

Celin: Ich hatte immer schon extreme Schmerzen und Probleme während meiner Menstruation und hatte meine Tage immer relativ lange. Irgendwann Ende 20 wurden die Schmerzen dann richtig heftig, ich hatte Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und auch richtig starke Blutungen während meiner Tage. Die haben sich dann auch verändert – wurden dunkelbraun, haben angefangen, zu riechen. Weil meine Mutter Gebärmutterhalskrebs hatte, bin ich regelmäßig zu meinen Vorsorgeuntersuchungen gegangen. Bei ihr ist der Krebs Anfang 40 aufgefallen, da hatte sie ihren Kinderwunsch schon abgeschlossen. Kurz vor meinem 31. Geburtstag, bei meiner normalen Vorsorgeuntersuchung, hat mein Frauenarzt dann gemeint, dass er bei mir etwas sehe, was ihm gar nicht gefällt. Keine zwei Wochen später lag ich auf dem OP-Tisch.

Hat das Ganze eigentlich Auswirkungen für deinen Darm gehabt?

Celin: Jein. Durch die Chemotherapie, dadurch, dass mir ein Stück Darm entnommen worden ist und durch acht Jahre Antibiotika ist der Darm natürlich auch in Mitleidenschaft gezogen worden. Bei mir wurde zudem das Stück Darm entnommen, das für die Aufnahme von Vitaminen in den Körper zuständig ist. Dadurch haben ich einen chronischen Mangel an Vitamin B12 und anderen Vitaminen, weil ich sie einfach so nicht mehr aufnehmen kann. Aber im Großen und Ganzen funktioniert mein Darm noch!

Wie kam es zum Schritt an die Öffentlichkeit? Ich habe bei deinem Instagram-Auftritt gesehen, dass du beispielsweise beim Frühstücksfernsehen warst oder bei Diskussionsrunden auf Kongressen.

Celin: Erstens haben mir die Selbsthilfegruppen viel geholfen. Da wollte ich etwas zurückgeben. Außerdem habe ich gesehen, dass es sehr wenige Menschen gibt, die über dieses Thema sprechen. So dachte ich mir: Wenn ich nur einer oder zwei Personen helfen kann, die diesen Beitrag sehen, dann mache ich das. Ich werde bei Instagram auch oft von Betroffenen angeschrieben. Denen schreibe ich natürlich auch zurück. Man muss sich heutzutage selbst helfen und sich informieren – immer weiter. Denn in der Medizin gibt es schließlich auch Weiterentwicklungen. Vor acht Jahren gab es für Frauen gefühlt drei Katheter. Mittlerweile gibt es da mehr Auswahl.

Kannst du dein Leben mittlerweile – und im Rahmen der Möglichkeiten – wieder so leben, wie du es möchtest?

Celin: Jetzt ja! Vor sechs, sieben Jahren war das nicht möglich. Ich habe ständig an die Klogänge gedacht, daran, dass ich Katheter mitnehmen muss und ich eben nicht einfach so aus dem Haus gehen kann. Ich habe immer überlegt, wie viel ich getrunken habe und, und, und. Das war am Anfang schwierig und damals habe ich mich dafür natürlich auch noch geschämt. Aber irgendwann hat sich das gelegt. Denn das Katheterisieren tut mir ja gut. Und über das, was mir gut tut, können andere denken, was sie wollen. Das ist mir Wurscht!

Womit ich bis heute ein Problem habe, ist, dass man mir meine Krankheit nicht ansieht. Ich habe mir den Euro-WC-Schlüssel besorgt. Wenn ich unterwegs auf die Behinderten-Toilette gehe, dann werde ich schräg angeschaut. Man muss – krass ausgedrückt – nicht aussehen wie der laufende Tod. Chronisch kranke Menschen können trotzdem gut und gesund aussehen.

Was hat Krankheit mit dir als Person gemacht? Hast du dich verändert?

Celin: Puh… um 180 Grad! Komplett. Mein Ex-Freund hat nach drei oder vier Jahren mal gefragt, ob ich irgendwann mal wieder die Alte werde. Da ist mir selbst bewusst geworden, dass das nie wieder so sein wird. Mir fehlen etliche Organe und ich bin von der stärkeren Chemotherapie früher in die Wechseljahre geschossen worden. Da verändert man sich natürlich. Auch mein Aussehen hat sich verändert. Ich hatte eine Glatze durch die Chemo und habe währenddessen nur 45 Kilo gewogen. Danach habe ich durch Kortison extrem zugenommen. Das war ein Auf und Ab. Da muss man sich erst einmal selbst wieder finden und den eigenen Körper wieder kennen und lieben lernen.

Wie schön, dass du das hinbekommen hast und dich die Steine, die dir das Leben in den Weg gelegt hat, nicht klein gekriegt haben! Liebe Celin, ich danke dir für dieses Interview!

Kopie-Ordner-Tipp

„Ich finde es ganz wichtig, sich einen Ordner anzulegen, in dem alle Papiere in Kopie drin sind. Ich habe von meiner zehnjährigen Krankheitsgeschichte mittlerweile drei dicke Ordner bei mir stehen. Und ich habe alles immer mal wieder gebraucht – für die Beantragung von Pflegegraden, dem Schwerbehindertenausweis, der Rente… Da braucht man diese Papiere. Wenn jemand das körperlich und psychisch kann, sollte er sich so einen Ordner anlegen.“

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Juliane Klug

Als Redakteurin liebt es Juliane, in immer neue Themen einzutauchen. Wenn sie anderen Menschen komplexe Dinge verständlich näherbringen kann, ist sie in ihrem Element. Seit dem Frühjahr 2022 sorgt Juliane im Marketing-Team von Citycare24 für Content.

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