Juliane Klug
Redakteurin bei Citycare24
Veröffentlichung am 20. April 2026
Die ungefähre Lesezeit beträgt 17 Minuten.
Sandra Tschöpe führt eine Psychologische Onlinepraxis für Frauen über 40: MyMenoMind. Die Hamburgerin ist Psychologin, Psychotherapeutin, Coach – und auch Wechseljahreberaterin. Denn Frauen im entsprechenden Alter treibt Vieles um, was auch die Psyche bewegt. Wir haben mit der 52-Jährigen über Hormone, den Gender Health Gap, körperliche Veränderungen und Chancen gesprochen.
Sandra Tschöpe: Grundsätzlich sagt man, dass etwa ein Drittel aller Frauen recht starke Beschwerden haben, ein Drittel moderate und ein Drittel keine. Die Wechseljahre können also Schwierigkeiten bereiten, müssen es aber nicht. Man geht davon aus, dass dieser Zeitraum zwischen fünf und 15 Jahren dauern kann. Das ist ein recht langer Zeitraum und das ist meist auch die Phase, in der sehr viel im Leben von Frauen passiert. Die beruflichen wie die privaten Rollen verändern sich, es werden Dinge infrage gestellt. Eventuell besteht eine ungewollte Kinderlosigkeit, wegen der sich die betreffenden Frauen jetzt nach jahrelangem Wunsch davon verabschieden oder die eigenen Kinder ziehen aus. Manche Frauen haben aber auch zu Beginn der Wechseljahre noch kleine Kinder und damit ganz andere Anforderungen. Das ist sehr mannigfaltig, sodass jede Frau ihre individuellen Themen hat. Und dann kommt eben bei einigen der spürbare hormonelle Umschwung erschwerend hinzu. Gerade die Zeit der Perimenopause, also die Zeit, bevor die letzte Periode eintritt, ist von sehr großen Hormonschwankungen gekennzeichnet. Weil wir im Gehirn auch Rezeptoren haben, an die das Östrogen andockt, können diese bei einigen Frauen depressive Episoden auslösen. Außerdem sind die Frauen in dieser Zeit stressanfälliger, viele berichten von erstmaligen Ängsten in Situationen, die vorher überhaupt nicht ängstigend wahrgenommen werden. Der Klassiker hier in Hamburg ist der Elbtunnel. Manche Frauen sind da Jahr und Tag durchgefahren und plötzlich bekommen sie Panik. Die Stressachse ist eben auch abhängig von bestimmten Hormonen.
Man muss sich das so vorstellen: Im Körper wirken Hormone und Neurotransmitter, die auch Botenstoffe sind, immer miteinander. Das ist wie ein gut eingespieltes Orchester. Jetzt fangen in den Wechseljahren ein paar Instrumente an, ein bisschen außerhalb des Taktes zu spielen. Das nehmen einige Frauen stärker wahr als andere. Deswegen kann man nicht sagen, dass alle leiden, aber auch nicht, dass es nur eine Phase ist und sich jemand nicht so anstellen soll. Für manche ist der Leidensdruck so hoch, weil sie wirklich krankheitswertige Symptome entwickeln.
Sandra Tschöpe: Die eine wichtige Vorsorge, die ist gerade im Kommen und das ist ein größeres Bewusstsein in der Gesellschaft. Viele Frauen, die bei mir in der Praxis sitzen – zum Teil auch ganz normal zur Psychotherapie –, sind oft erstaunt, dass die Wechseljahre schon in den 40ern losgehen. Also: Wissen ist immer wichtig! Informiert zu sein ist ein ganz wichtiger Aspekt. Das passiert gerade. Aber, was mir auch wichtig ist, ist, keine Angst zu haben. Das ist schließlich auch eine total tolle Lebensphase! Viele Frauen hinterfragen noch mal Dinge, lassen etwas hinter sich, starten noch einmal neu durch oder treffen Entscheidungen zugunsten ihres Wohlbefindens und ihrer Gesundheit. Das ist auch eine Lebensphase, in der ganz viele Weichen noch einmal neu gestellt werden können. Es gibt mittlerweile auch wirklich viele gute Bücher, um sich im Vorfeld zu informieren – überhaupt als Frau. Den Gender Health Gap habe ich eben schon erwähnt. Wenn man sich die Frauengesundheit anschaut, liegt sie erschreckenderweise weit hinter der Männergesundheit zurück. Die Forschung wurde meist an Männerkörpern vorgenommen. Deswegen ist oft nicht bekannt, wie sich bestimmte Medikamente bei Frauen auswirken oder wie das Zusammenspiel der Hormone ist. Das habe ich in meiner Ausbildung zur Psychotherapeutin eben auch nicht gelernt. Ich glaube, es ist wichtig, sich damit zu beschäftigen, wie der eigene Körper funktioniert, wie funktioniert mein Zyklus? All das, was Gesundheitsthemen bei Frauen anbelangt. In diesem Bereich gibt es auch tolle Podcasts – zum Beispiel den Gyncast. Die Professorin Dr. Mandy Mangler hat auch ein Buch geschrieben: „Das große Gyn-Buch“. Das ist wirklich ein Rundumwerk zur Frauengesundheit. Das sollte eigentlich Basiswissen für jede Frau sein. Denn, wenn man guckt, was man in der Schule gelernt hat: Da ging es ein wenig um Reproduktion und das war es dann.
Sandra Tschöpe: Genau, dann wird das vielleicht noch mal Thema. Warum die Wechseljahre überhaupt auftreten, das wissen viele Menschen nicht. Das hat nämlich mit dem Eizellen-Vorrat zu tun, der irgendwann zur Neige geht. Das ist eine riesige Anzahl, die schon im Mutterleib angelegt ist. Im Laufe der circa 40 fruchtbaren Jahre einer Frau werden sie immer weniger – bei manchen Frauen genetisch bedingt oder aufgrund von Krankheiten schneller, bei anderen langsamer. Frauen, die eine Chemotherapie hinter sich haben, kommen manchmal vorzeitig in die Wechseljahre.
Sandra Tschöpe: Das ist auch immer individuell, inwieweit das als belastend angesehen wird. Nehmen wir jetzt mal die Hitzewallungen: Die treten gar nicht so sehr am Anfang der Wechseljahre auf. Viele Frauen sind schon lange in den Wechseljahren, haben aber noch nie eine Hitzewallung gehabt. Aber wenn wir jetzt mal davon ausgehen, dass das eine Frau ist, die diese klassischen Hitzewallungen hat und sie findet diese total unangenehm und peinlich, dann erlebt sie das als viel, viel belastender als eine Frau, die sagt: Das gehört halt dazu. Außerdem kommt es auch darauf an, in welchem Kontext die Hitzewallungen auftreten. Wenn ich irgendwo vorne stehe und einen Vortrag halte und dann eine Hitzewellung kriege, ist das etwas ganz anderes als wenn ich vielleicht bei mir im Homeoffice sitze, das Fenster aufmachen und mir den Pullover ausziehen kann. Auch da ist der Leidensdruck sehr individuell. Was Hitzewallungen allerdings auch ausmacht, ist, dass sie den Schlaf sehr stark stören, wenn Frauen sie in der Nacht haben. Frauen in den Wechseljahren schlafen meistens eh nicht so gut. Dann sind sie morgens müde, zerschlagen, erschöpft – und das zieht sich dann ja meist über einen längeren Zeitraum. Das nimmt ein ganzes Stück Lebensqualität.
Wenn wir zum Beispiel auf die vulvovaginale Atrophie gucken, wobei durch einen Östrogenmangel im Vulvabereich die Schleimhäute trockener werden, dann kann es zu häufigeren Harnwegsinfekten kommen, zu Inkontinenz oder auch zu Schmerzen bei Sexualität. Das kann ja auch sehr einschränkend sein für die Lebensqualität, für die Beziehungsqualität. Auch da kommt dann ja eins zum anderen. Es gibt ganz viele Begleiterscheinungen, quasi Langzeitfolgen der Wechseljahre, die erst nach der Menopause, also nach der letzten Regelblutung, eintreten, wie dass die Knochendichte abnimmt, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen höher ist, dann die vulvovaginale Atrophie: Das sind alles Dinge, die passieren am Ende der Wechseljahre. Das ist fast unumgänglich. Deshalb ist es so wichtig, auch da informiert zu sein. Um auch zu gucken, was man tun kann, um seine Herz-Kreislauf-Gesundheit zu erhöhen, was man für seine Knochendichte tun kann, aber auch, was man für seine Schleimhäute tun kann. Denn auch da gibt es Möglichkeiten, das zu behandeln.
Dann hoffen wir, dass dieses Interview ein kleines Stück dazu beiträgt! Haben Sie Dank für Ihre Zeit und die vielen Informationen, mit denen Sie mich versorgt haben!
Als Redakteurin liebt es Juliane, in immer neue Themen einzutauchen. Wenn sie anderen Menschen komplexe Dinge verständlich näherbringen kann, ist sie in ihrem Element. Seit dem Frühjahr 2022 sorgt Juliane im Marketing-Team von Citycare24 für Content.
Diesen Beitrag teilen